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Ich schreibe keinen Code mehr. Bin ich jetzt Vibe-Coder?

Ich schreibe keinen Code mehr. Bin ich jetzt Vibe-Coder?

Ich schreibe kaum noch eine Zeile Code selbst. In ein, zwei Projekten, in denen der Kunde das ausdrücklich verlangt, schon. Sonst nicht. Das habe ich in den letzten Tagen in drei kurzen Videos erzählt, und die Frage, die dabei immer mitschwingt, ist: Bin ich damit nicht einfach ein Vibe-Coder mit 24 Jahren Berufserfahrung?

Meine Antwort ist nein. Und ich finde, die Frage ist falsch gestellt, denn sie tut so, als wäre das Tippen der Kern des Berufs gewesen.

Was ich früher gemacht habe, bevor ich Code geschrieben habe

Wenn ich zurückdenke, sah ein Projekt bei mir immer ungefähr so aus:

  1. Mit dem Kunden reden. Fragen stellen, Rückfragen stellen, weil ich weiß, was geht und was nicht, und worauf man achten muss.
  2. Planen, auf Papier oder mit irgendeinem Tool. Tabellenstrukturen, Service-Strukturen. Wird das ein Monolith oder setzen wir es aus Microservices zusammen?
  3. Mit dem Plan noch einmal zum Kunden. Was sind seine Ziele, wo soll es hingehen?
  4. Erst dann: hinsetzen und programmieren.

Heute sieht es so aus:

  1. Mit dem Kunden reden, genauso wie früher.
  2. Planen, und zwar zusammen mit der KI. Ich diskutiere die Sachen mit ihr aus, sie schreibt den Plan runter, ich lese ihn und korrigiere.
  3. Mit dem Plan zum Kunden. Ziele, Richtung, Plan. Auch das wie früher.
  4. Die KI schreibt den Code.

Drei von vier Schritten sind gleich geblieben. Geändert hat sich der vierte, und der war nie der schwierigste, aber eigentlich der schönste.

Der Unterschied: Stück für Stück

Was mich von jemandem unterscheidet, der sich eine App „herbeiprompted“, ist nicht, wer tippt. Es ist die Art, wie das Projekt entsteht.

Ich baue ein Projekt Stück für Stück auf, so wie ich es früher auch programmiert habe. Ein komplettes Tool liegt vor mir, das vorher einmal durchgeplant ist. Dann baue ich ein Element, teste es, baue das nächste darauf, teste wieder. Immer eins nach dem anderen.

Das klingt banal. Es ist aber genau der Punkt, an dem KI-Projekte kippen: Wer in einem Rutsch „bau mir ein CRM“ schreibt, bekommt etwas, das in der Demo läuft und drei Wochen später niemand mehr versteht, auch die KI nicht. Wer in kleinen, geprüften Schritten baut, hat am Ende eine stimmige Sache, die ihm hinterher nicht auf die Füße fällt.

Dazu gehört, dass jeder Schritt durch Prüfungen muss, bevor ich ihn als fertig ansehe: statische Analyse, Coding-Standard, Tests. Das habe ich früher bei eigenem Code gemacht, und bei Code, den eine KI schreibt, mache ich es erst recht.

Und Vibe-Coder? Gab es schon immer

Jetzt die andere Seite. Wenn du Vibe-Coder bist und alle auf dich schimpfen: Ist nicht schlimm. Vibe-Coder gab es lange vor dir.

Früher hießen sie Script-Kiddies. Sie haben sich den Code aus Google und Stack Overflow zusammengesucht, zusammengesteckt und geschaut, dass es irgendwie läuft. Nicht-Fachleute haben Code geschrieben, und das hat oft funktioniert. Für manche Projekte gut, für manche schlecht, aber meistens so gut, dass die ersten Kunden kamen.

Ein Beispiel, das ich so oder ähnlich öfter gesehen habe: Ein Anwalt baut sich ein kleines Programm, um seinen Mandanten eine Hilfestellung zu geben. Die ersten Mandanten nutzen es. Mit den ersten Kunden kommt das erste Geld, und mit dem ersten Geld holt man sich einen Entwickler, der das Ganze auf Vordermann bringt, auf Sicherheitslücken prüft und vielleicht einmal neu schreibt.

Das Wichtige daran: Man hatte einen Beweis, dass die Idee trägt. Einen Proof of Concept. Und das ist heute genauso richtig. Wenn du keine Ahnung vom Programmieren hast und eine Idee: Mach es. Schau, ob es Leute gibt, die das Produkt spannend finden und nutzen würden.

Eine Warnung gehört aber dazu. In den letzten Monaten sehe ich deutlich mehr Angriffe auf kleine Projekte, weil es inzwischen auch mehr KI-Script-Kiddies auf der anderen Seite gibt. Wenn dein Prototyp echte Nutzer und echte Daten hat, hol dir schnell jemanden, der den Code in geregelte Bahnen bringt.

Wo ich das eigentliche Problem sehe

Das, was mir ehrlich Sorgen macht, sind weder Vibe-Coder noch Senior-Entwickler, die keinen Code mehr tippen. Es sind die Leute, die gerade anfangen.

Ich habe noch gelernt, worauf man achten muss. Warum ein Monolith an einer bestimmten Stelle wehtut. Warum man eine Tabelle so und nicht anders schneidet. Gelernt habe ich das vor allem durch Fehler, eigene und die von anderen.

Azubis und Berufseinsteiger haben heute eine KI, die sie fragen können. Aber die KI sagt tendenziell immer das Gleiche. Sie ist nicht besonders innovativ, und sie macht die Fehler nicht, aus denen man lernt, jedenfalls nicht so, dass man selbst etwas davon hat. Wer nie selbst in die Grube gefallen ist, weiß nicht, wo die Gruben sind. Und genau dieses Wissen brauche ich, wenn ich den Plan der KI lese und entscheiden muss, ob er taugt.

Eine fertige Antwort darauf habe ich nicht. Ich habe eine Frage an dich: Wie bringen wir das den Einsteigern bei? Wie lernt jemand guten Code zu schreiben, wenn er ihn kaum noch selbst schreibt? Schreib es mir, das interessiert mich wirklich.

Was ich daraus mitnehme

  • Der Beruf war nie das Tippen. Fragen stellen, planen, abwägen, mit dem Kunden abstimmen: Das mache ich alles noch. Die KI hat mir nur einen Schritt abgenommen.
  • Der Unterschied zum Vibe-Coding liegt im Vorgehen, nicht im Werkzeug: vorher planen, in kleinen Stücken bauen, jedes Stück prüfen.
  • Vibe-Coding ist für einen Prototypen legitim. Sobald echte Nutzer da sind, gehört jemand mit Erfahrung an den Code, und zwar schnell.
  • Offen bleibt, wie Einsteiger heute das Wissen aufbauen, das man früher durch eigene Fehler bekommen hat. Da habe ich mehr Fragen als Antworten.

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